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Stefan Kuntz als künftiger Bundestrainer?

Warum der U21-Nationalcoach ein idealer Nachfolger von Jogi Löw wäre

Im Fahrwasser des 0:6 Nations-League-Debakels gegen Spanien haben sich in den letzten Wochen viele Experten und Besserwisser zu Wort gemeldet, wer denn ein kompetenter, zukunftsweisender Nachfolger für Jogi Löws wackeligen Trainer-Thron sein könnte. Neben PSG-Trainer Thomas Tuchel, Bayern-Quintuple-Winner Hansi Flick, Liverpool-Meistercoach Jürgen Klopp und RBLeipzig-Geburtshelfer Ralf Rangnick wurden sogar die beiden Trainerrentner-Grandseigneure Jupp Heynckes und Horst Hrubesch ins Spiel gebracht. Während erstere drei Wunschkandidaten sowieso nicht können, weil sie bis auf weiteres ihren jetzigen Vereinen treu bleiben und letztere zwei nicht mehr wollen, weil sie in ihrem Leben lange genug auf Trainerbänken saßen, bliebe einzig nur Rangnick übrig. Der könnte vielleicht wollen und Zeit haben, zumal er sich gerade von seinem Managerposten bei RedBull getrennt hat, wäre aber nicht unbedingt ein Wunschkandidat. Und wenn dann sogar noch ein Lothar Matthäus oder Dieter Hecking als weitere mögliche Kandidaten für den Bundestrainerposten in Erwägung gezogen werden, fragt man sich doch ernsthaft, warum eigentlich noch niemand an Stefan Kuntz gedacht hat? Der U21-Trainer, den scheinbar keiner so richtig auf dem Schirm hat, wäre ein idealer wie auch der naheliegendste Kandidat, um frischen Wind und Motivation in eine vor sich hin schwächelnde A-Nationalmannschaft zu bringen. Weniger, weil er im Gegensatz zu Tuchel, Flick oder Klopp gar nicht erst einen Verein verlassen müsste, sondern weil Kuntz als U21-Coach in Diensten des DFB seit nunmehr vier Jahren einen super Job macht:
2017 hat er mit seinem Nachwuchsteam die U21-Europameisterschaft gewonnen, ist zwei Jahre später erneut bis ins EM-Finale vorgerückt (was dann gegen übermächtige Spanier unglücklich mit 1:2 verloren ging) und hat sich mit seiner aktuellen U21-Kader soeben als Gruppenerster für die Endrunde der EURO 2021 im kommenden Frühjahr qualifiziert. Das kommt einer mehr als ordentlichen Erfolgsbilanz gleich, die durchaus eine Beförderung für Größeres verdient hätte. Kuntz könnte seine derzeitigen Traineraufgaben mit Blick auf eine Europameisterschaft im Prinzip nahtlos ins A-Team verlagern, wo ihn viele jüngere Spieler ohnehin bestens kennen (und auch schätzen) ,weil er sie als U21-Coach lange selbst trainiert und für s Löws A-Kader „flügge“ gemacht hat – so unter anderem Serge Gnabry, Jonathan Tah, Lukas Klostermann, Maximilian Eggestein, Robin Koch, Mahmoud Dahoud oder Luca Waldschmidt.

Medien gegenüber immer bescheiden, freundlich und eloquent auftretend, hat Kuntz eine respektable Spielerkarriere hinter sich: An der Seite von Jürgen Klinsmann und Andreas Köpke wurde er 1996 Europameister, war Kapitän des 1. FC Kaiserslautern, mit dem er die deutsche Meisterschaft (1991) und den DFB-Pokal (1990) gewann und ist in seiner Bundesligalaufbahn (449 Erstligaeinsätze) zweimal Torschützenkönig geworden (1986 u.1994). Kuntz weiß also, wie man erfolgreich Fußball spielt und möglichst viele Tore schießt und ist damit für junge wie ältere Spieler in jedem Fall eine Vorbildfigur. Hinzu kommt seine besondere Gabe, mit der er es als Mensch schafft, jeden einzelnen seiner Spieler nicht nur auf dem Platz, sondern auch privat zu erreichen. Ähnlich wie Hansi Flick in München oder Jürgen Klopp in Liverpool, verfügt Stefan Kuntz über viel Empathie und ein hohes Maß an sozialer Kompetenz, was für die gegenseitige Vertrauensbildung, Teamgeistförderung und den kollektiven Siegeswillen einer jungen Mannschaft unentbehrlich ist. Wie junge Spieler angesprochen werden müssen, damit sie Höchstleistung bringen wollen, hat er zur Genüge unter Beweis gestellt. Mindestens ebenso wichtig wie das Optimieren von Sprintwerten und Dribblings, ist für ihn als Trainer das Schärfen und Fördern von „soft skills“, sprich, die Fähigkeiten zu trainieren, ein Spiel zu lenken und möglichst lesen zu können, Kommandos zu geben, immer einen konkreten Matchplan zu verfolgen und mit Mut und Selbstbewusstsein individuelle Entscheidungen auf dem Platz zu treffen, wenn ein Matchplan mal nicht aufgehen will. Womit Kuntz natürlich einen Nagel auf den Kopf trifft, den Löw nie richtig zwischen den Finger genommen hat. Denn nur so lassen sich jene, inzwischen ausgestorbenen Führungsspieler-“Typen“ à la Effenberg, Matthäus oder Kahn entwickeln, nach denen alle Experten plötzlich wieder laut schreien und die in Löws hierarchie- und orientierungslosem Spielergefüge momentan mehr denn je benötigt werden. Um einem guten Abschneiden bei der EM im kommenden Sommer optimistisch ins Auge sehen zu können, wäre Stefan Kuntz auf alle Fälle eine Hoffnung weckende Alternative für den Bundestrainerposten.

Empathisch, fürsorglich wie ein Ziehvater und bei allen Spielern auch als Privatmensch beliebt: U21-Nationalcoach Stefan Kuntz (Foto: ran.de)

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