Fussball-Museum

Das Golfballattentat auf Oliver Kahn

Als der Titan zum blutenden Vulkan wurde.

„Wir haben heute in Adrenalin gebadet“

Oliver Kahn

Bundesliga-Saison 2000
Fundstück: Golfball, gelb

Am 12. April 2000 trifft der SC Freiburg zuhause auf den FC Bayern. Nach einem frühen Platzverweis (von Sammy Kuffour) müssen die Münchener ab der 18ten Minute in Unterzahl spielen. Bis kurz vor Schluss steht es 1:1 Unentschieden, sodass sich das engagierte Team von Volker Finke zumindest Hoffnung auf einen Heimspiel-Punkt macht. Die erlischt jedoch jäh, als den Bayern in der 87sten Minute ein Elfmeter „geschenkt“ wird, mit dem sie unerwartet doch noch in Führung gehen. Die Freiburger Fans sind fassungslos über die Fehlentscheidung, die den Bayern wieder mal einen Duselsieg beschert.

Dass ausgerechnet Oliver Kahn den von Mehmet Scholl verwandelten Strafstoß mit übertrieben demonstrativer Siegerfaust-Geste bejubeln muss, wird von den Freiburger Anhängern hinter seinem Tor mit langanhaltendem Buh- & Pfeifkonzert quittiert. Zwischen Bananen und Papierknäueln fliegt ihm plötzlich ein scharfer Ball entgegen, gegen den selbst ein Titan nicht den Hauch einer Abwehrchance hat: Der von den Rängen abgefeuerte Golfball trifft Kahn mit voller Wucht gegen die Schläfe. Mit klaffender Platzwunde über dem linken Auge sammelt der vor Wut schäumende Keeper das Wurfgeschoss am Spielfeldrand selbst ein und läuft blutverschmiert über den halben Platz, um es dem Schiedsrichter in die Hand zu drücken. Der pfeift das Spiel jedoch nicht vorzeitig ab, sondern unterbricht es lediglich, damit Kahn ärztlich versorgt werden kann.

Der polizeilich konfiszierte Golfball, der den Titan zum blutenden Vulkan machte: Auch nach 20jähriger Einlagerung in einer Freiburger Asservatenkammer sind die Spuren von Kahns Andrenalinbad gut erkennbar.

Während Kahns Platzwunde kurz inspiziert wird, macht Kapitän Stefan Effenberg bereits Anstalten, sich für die letzte Minute selbst ins Tor zu stellen, da die Bayern bereits dreimal ausgewechselt haben. Doch Kahn will natürlich weiter (..immer weiter…) machen und stellt sich mit blutverschmiertem Dress und ohne ärztliche Behandlung sofort wieder zwischen die Pfosten – was die Freiburger nun lautstark mit ironischem Applaus quittieren. Nach Spielabpfiff lässt sich Kahn von den noch immer gegen ihn krakeelenden Freiburger Fans so provozieren, dass Manager Uli Hoeneß ihn von hinten in den Schwitzkasten nehmen muss, um einen Amoklauf seiner Nummer Eins zu verhindern.

„Kommt her ihr Feiglinge, ich mach Euch fertig!“ – Nach Spielabpfiff rastet Kahn völlig aus und muss von Manager Hoeneß und Mannschaftskollegen festgehalten werden, damit er keinen Amoklauf startet.

Nur unter größter Kraftanstrengung gelingt es, den mit Adrenalin vollgepumpten und wild um sich schnappenden Nationaltorwart in die Umkleidekatakomben zu bugsieren, wo Bayernarzt Müller-Wohlfahrt schon ungeduldig mit Beruhigungsspritze und OP-Näh-Besteck wartet. Der Golfball-Attentäter, ein 16jähriger Schüler, wird durch Videoaufzeichnungen wenige Tage später von der Freiburger Polizei ermittelt und zu 300 Sozialstunden verurteilt. Gegen den SC Freiburg wird vom DFB eine Geldstrafe von 38tausend Euro verhängt. Die damals polizeilich konfiszierte Tatwaffe, ein gelber Golfball mit Markenaufdruck „Champion“, lagerte zwei Jahrzehnte lang in der Schublade einer Breisgauer Asservatenkammer. Noch immer sind die Spuren von Kahns Adrenalinbad im Dreisamstadion zu erkennen.

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