Lifestyle-News

Fußball-Stars von morgen: Das Geschäft mit den Wunderkindern

Nachwuchskicker wie das vermeintliche Jahrhunderttalent Youssoufa Moukoko werden behandelt wie Stars – und gehandelt wie eine Ware. Nie war der Markt härter als heute. Einblicke ins irrwitzige Business mit der wichtigsten Ressource des Weltfußballs.

Autor: Ibrahim Naber, Redaktion Playboy

Zum Start der Rückrunde veröffentlicht der 14 Jahre alte Youssoufa Moukoko ein Foto auf Instagram. In Klamotten seines Ausrüsters Nike sitzt das Nachwuchstalent von Borussia Dortmund auf einer Holzbank – breite Schultern, verschränkte Hände, entschlossener Blick, ein Ball zwischen den Kickschuhen. Dazu schreibt er: „Je stärker dein warum ist, dein Ziel zu erreichen, umso höher ist deine Motivation.“ Hashtag: „Ich bin noch nicht fertig.“ 47.000 Herzchen sammelt das Bild. Ein Fan kommentiert: „Du bist mein großes Vorbild!“ Ein anderer: „Bester Spieler der Welt!“

Ein paar Wochen später, an einem Sonntagmorgen im Februar, sprintet Youssoufa Moukoko über den Rasen einer abgerockten Sportanlage im Gelsenkirchener Stadtteil Ückendorf. Es läuft das Revierderby, Dortmund gegen Schalke, B-Junioren-Bundesliga. Sonnenstrahlen fluten den Platz, Würstchen brutzeln auf dem Kioskgrill, und auf einem Podest stehen TV-Kameras. Unter die 450 Zuschauer, die sich um die Metallstangen am Spielfeldrand drängen, haben sich an diesem Morgen besonders viele Spielerberater und Talentspäher gemischt. Größen der deutschen Szene, aber auch Scouts aus der Premier League. Man kennt und beäugt sich. Es herrscht Jagdfieber.

Youssoufa Moukoko gilt als größtes Nachwuchstalent in Deutschland

Im Pulk einer Entourage brandet nach vier Minuten Jubel auf: Flanke in den Schalker Strafraum, Kopfball Moukoko, 1:0. Die Familie feiert. Als Vater Joseph Moukoko, ein Mann mit grauen Haaren und mürrischem Blick, zu Beginn der zweiten Halbzeit in Jogginghose und weißen Sneakers zu seinem Platz auf der Tribüne trottet, erhöht sein Sohn gerade auf 4:0. Moukokos Saisontreffer Nummer 30. Patrick Williams von der Hamburger Agentur Sportsunited nickt am Spielfeldrand zufrieden. Der Berater ist überzeugt, dass sein Schützling alles mitbringe, „um es nach ganz oben zu schaffen“.

Youssoufa Moukoko, sagen die einen, ist die Zukunft des deutschen Fußballs. Ein Wunderknabe, ein Jahrhunderttalent, der nächste Götze, oder mehr: der nächste Messi. In den Augen anderer hingegen steht Moukoko exemplarisch für das, was im Nachwuchsbereich des Profi-Fußballs aus den Fugen geraten sei. Für den Hype, den Kommerz, das Geschäft mit Kindern. Für hemmungslose Clubmanager. Für die Gier von Beratern und Eltern. Für Lug und Betrug.

Deutschland hat im Nachwuchsbereich den Anschluss verloren

Geht es um Talente, geht es für deutsche Vereine heute schnell um die eigene Existenz. „Außer Bayern München sind alle Clubs in Deutschland wirtschaftlich gezwungen, Talente zu entwickeln“, sagt Borussia Mönchengladbachs Manager Max Eberl. Und sie alle seien ständig der Gefahr ausgesetzt, ihre besten Nachwuchsstars an Konkurrenten zu verlieren. Das allein ist nicht neu, und doch hat sich das Geschäft mit den Talenten in den vergangenen Jahren gewandelt. In Gesprächen skizzieren Clubverantwortliche, Spielerberater, Talentsucher und Eltern das Bild einer nervösen Szene, in der Anstand und Regeln nur noch wenig zählen. Früher seien Väter von Jugendspielern auf ihn zugekommen, um nach Rat zu fragen, sagt der ehemalige Ballack-Berater Dr. Michael Becker. „Heute ist die erste Frage: ‚Wie viel Honorar springt für mich heraus, wenn Sie meinen Sohn anwaltlich vertreten dürfen?‘“

Und noch etwas hat sich grundlegend verändert: Über viele Jahre galt die Jugendarbeit deutscher Profi-Clubs als Nonplusultra. Aus einer goldenen Generation von Spielern, die in den beiden Jahren vor der Wiedervereinigung geboren wurden, stiegen Weltstars wie Mesut Özil, Thomas Müller, Mats Hummels und Jérôme Boateng empor. Auch die nachfolgende Generation bis Jahrgang 1996 hat mit Leroy Sané oder Julian Brandt noch Spieler hervorgebracht, die international zur Elite ihres Alters zählen. Danach aber sieht es recht düster aus. Mit Ausnahme von Leverkusens Top-Talent Kai Havertz kommen die neuen Shootingstars, Jahrgang 1998 bis 2000, die Mbappés, die Sanchos, heute überwiegend aus Frankreich und England. Ausgerechnet in einer Zeit, in der sich die finanzielle Übermacht der Premier League immer stärker bemerkbar macht, hat Deutschland im Nachwuchsbereich den Anschluss verloren. Umso erbitterter läuft der Wettstreit um die besten Talente hierzulande – mit Folgen: „Kleine Clubs“, sagt St. Paulis Geschäftsführer Andreas Rettig, „können durch das Talenteabjagen kaum mehr eine Substanz aufbauen.“

Auf dem Sportplatz in Gelsenkirchen läuft die Schlussphase. Noch einmal bekommt Moukoko an der Mittellinie den Ball, noch einmal lässt er seine durchschnittlich zwei Jahre älteren Gegenspieler im Turbodribbling an seinem Körper abprallen, noch einmal geht ein Raunen durch die Zuschauer. Im Pulk der Schalker Eltern tuscheln sie kopfschüttelnd. „Guckt ihn doch an“, raunt eine Frau, „der Junge ist mindestens 18!“

Der Vorwurf des Altersbetrugs holt Borussias Wunderknaben immer wieder ein. Vater Joseph Moukoko, 68, beharrt darauf, dass sein Sohn am 20. November 2004 in Kameruns Hauptstadt Jaunde geboren wurde. „Das ist Fakt“, bekräftigte BVB-Nachwuchschef Lars Ricken. Und tatsächlich: Beim Standesamt Hamburg-Harburg erfolgte 2016 eine Nachbeurkundung der Geburt von Moukoko. Zweifel aber bleiben. Zum einen, weil „age cheating“ in Ländern wie Ghana und Kamerun weit verbreitet ist und die Hamburger Behörde auch auf Nachfrage nicht erklären möchte, wie sie die Authentizität der ursprünglichen Geburtsurkunde geprüft hat. Zum anderen, weil auch sonst vieles rätselhaft bleibt. Etwa die Frage, wie Moukoko in Kamerun aufwuchs und warum sich bei einer Recherche keine fußballerischen Spuren von ihm in Afrika finden.

Berater schrecken vor nichts zurück

Als der Schiedsrichter abpfeift und die BVB-Talente nach ihrem 5:0-Erfolg mit „Derbysieger, Derbysieger“-Rufen über den Platz hüpfen, beginnt abseits des Rasens die dritte Halbzeit. Mit gezückter Visitenkarte pirschen sich mehrere Männer an Eltern ran, auf beiden Seiten. Vorn im Schalke-Block steht die Mutter eines Schalke-Spielers, die einen der Berater mit funkelnden Augen abblitzen lässt. „Schon während des Spiels hat einer von denen meinen Mann von der Seite angequatscht“, sagt sie, „die sind wie Heuschrecken.“

Dass sie für ihren Sohn bislang keinen Spielerberater ausgewählt hätten, habe sich in der Szene herumgesprochen. Keine Woche vergehe ohne einen Anruf im Elternhaus. Spielerberater schrieben ihren Sohn zudem persönlich über Instagram an, einer sogar aus England, erzählt die Mutter, und nicht selten böten sie dem Teenager neben großen Versprechen auch Geld. „Darum wollen wir keinen Berater für unseren Sohn“, sagt sie, „wir vertrauen nur uns.“ Bislang hätten sie alle Angebote abgelehnt, auch die von anderen Vereinen. 20.000 Euro Handgeld habe ihnen ein Berater in Aussicht gestellt, wenn ihr Sohn sich einem von ihm vertretenen Bundesliga-Club anschließt. Plus ein monatliches Gehalt. Wie viel genau, das wisse sie nicht mehr.

Im ersten Gespräch auf dem Platz erzählt die Mutter all das ohne Hemmungen und nennt bereitwillig ihren Namen. Später kontaktiert sie den Reporter aufgeregt und bittet um Diskretion. Ihr Sohn bekomme vom Verein ernsthafte Probleme, wenn sie ohne Erlaubnis mit den Medien spreche. Das sei ja verboten. Der Redaktion des Playboy sind die Namen des Spielers und seiner Mutter bekannt.

Andreas Rettig, 56, wundert fast nichts mehr, wenn es um die Jagd nach Talenten geht. Er war als Manager in Freiburg, Augsburg und Köln tätig, leitete bis 2015 die Geschäfte bei der Deutschen Fußball Liga (DFL). Er habe vieles erlebt, auch Berater, die Eltern mit Handgeldern oder Urlaubsreisen köderten. Immer häufiger stelle er fest, dass sich Berater gegenseitig die Talente abjagten, indem sie bei den Jugendlichen früh Illusionen von der Bundesliga schürten. Doch die meisten Talente stürzen ab.

Max Eberl sieht die wachsende Macht der Berater kritisch

Manager Eberl erinnert sich, wie in Gladbach einer der krassesten Abstürze eines deutschen Supertalents seinen Anfang nahm. Im Sommer 2014 rollten sie bei der Borussia dem damals 17 Jahre alten Sinan Kurt den roten Teppich aus. Der damalige Trainer Lucien Favre bot dem gebürtigen Mönchengladbacher einen Platz bei den Profis an. Kurt lehnte ab, wechselte für drei Millionen Euro Ablöse zu den Bayern – und kickt heute in der zweiten Liga Österreichs. „Er war ein Riesentalent“, sagt Eberl, „aber er wollte zu früh zu viel.“

Eberl beobachtet, dass sich Ansprüche und Kräfteverhältnisse in eine fragwürdige Richtung verschoben hätten. „Üben wir heute leise Kritik an einem Talent, kommen mitunter die Berater auf mich zu und sagen: ‚Noch ein Mal, Herr Eberl, und der Junge sucht sich einen neuen Club.‘“

„Früher gab es unter Spielerberatern viele Dummköpfe ohne Erfolg – heute haben sogar die Dummköpfe Erfolg.“

Wer einen der Großen aus der deutschen Beraterszene treffen möchte, verabredet sich mit ihm am besten im Nobelrestaurant „Grosz“ am Berliner Kurfürstendamm. Hier, im denkmalgeschützten Gebäude des Cumberland-Hauses, gehen sie ein und aus, verhandeln sie, und mitunter unterschreiben sie hier Verträge. An einem Freitagabend im März sitzt Dr. Michael Becker an einem Tisch und nippt an einem Kamillentee. In ein paar Stunden geht sein Flieger zurück nach Luxemburg, wo er wohnt, zuvor möchte er aber einiges loswerden. „Früher gab es unter Spielerberatern viele Dummköpfe ohne Erfolg“, sagt der 65-Jährige, „heute haben sogar die Dummköpfe Erfolg.“

Becker selbst gehört zu den erfolgreichsten deutschen Spielerberatern der vergangenen Jahrzehnte. Um die Jahrtausendwende verhandelte der Anwalt für Michael Ballack Millionenverträge, vertrat die halbe US-Nationalmannschaft und vermarktete die Auftritte der Show-Basketballer Harlem Globetrotters in Deutschland. Noch immer, auch wenn er es finanziell längst nicht nötig hätte, ist Becker als Berater aktiv. Unter anderem betreut er den 20-jährigen Mert Yilmaz vom FC Bayern München.

Becker kritisiert das Gebaren mancher Kollegen scharf. „Was macht denn eigentlich den Erfolg eines Top-Beraters heute aus? Er befriedigt die Gier der Eltern nach Ruhm und Geld. Nicht mehr, nicht weniger.“ Dass ein 15-Jähriger bei einem großen Club heute 5000 Euro pro Monat als Grundgehalt verdiene, sei keine Ausnahme. So laufe das Geschäft eben. Um eine vernünftige Karriereplanung aber gehe es längst nicht mehr. „Die Gier der Eltern ist unstillbar geworden“, sagt Becker. „Man kann sich kaum vorstellen, für welch geringe Beträge sich Eltern heute Vollmachten von sogenannten Beratern abkaufen lassen.“ Gleichzeitig verwundert ihn, wie sehr sich manche Berater Eltern unterwerfen. „Wenn ich sehe, dass manche Spielerberater heute einen Großteil ihres Honorars, das der Verein ihnen zahlt, an den Papa-Manager weitergeben müssen, macht mich das fassungslos.“

Doch es geht nicht nur um Berater, es geht auch oder vor allem um die Vereine. „Die Aggressivität beim Buhlen um die besten Talente ist heute schon enorm“, sagt St.-Pauli-Geschäftsführer Rettig, „wir haben schon 12- oder 13-Jährige an Clubs wie Bayern und Dortmund verloren.“ In bestimmten Fällen seien sie schlicht chancenlos. Da helfe es nicht mehr, mit dem Wohlfühlfaktor bei St. Pauli zu argumentieren, mit den Fahrdiensten, der psychologischen Betreuung oder einer Perspektive abseits des Platzes. Da, so scheint es, geht es dann nur noch ums Geld.

„Im B- und A-Jugendbereich zahlen die großen Clubs in der Liga teilweise fünfstellige Monatsgehälter“

St. Pauli gehört wie der SC Freiburg zu den Vereinen in Deutschland, die Jugendlichen lediglich ein Taschengeld von wenigen Hundert Euro im Monat zahlen. Der Preis dafür ist enorm. Bei kaum einem anderen Club wurde im Nachwuchsbereich in den vergangenen Jahren derart gewildert wie bei den Hamburgern. Allein im Sommer 2015 wechselten elf Teenager aus ihrem Nachwuchsleistungszentrum zu anderen Bundesliga-Vereinen. Der Grund ist in fast allen Fällen der gleiche: „Im B- und A-Jugendbereich zahlen die großen Clubs in der Liga teilweise fünfstellige Monatsgehälter“, sagt Rettig. Es müsse ein Ende haben, dass die kleinen Clubs Spieler oftmals jahrelang mit viel Aufwand und Kosten ausbildeten und die großen Clubs die Rosinen für kleines Geld wegpickten. Deshalb plädiert Rettig dafür, die fälligen Ausbildungsentschädigungen beim Wechsel von Talenten deutlich zu erhöhen.

Auch die wundersame Karriere von Youssoufa Moukoko nahm einst beim FC St. Pauli ihren Anfang. Wegbegleiter erinnern sich, wie der Junge dort Ende 2014 zum ersten Probetraining auftauchte und alle baff machte. Der damalige Sportchef Thomas Meggle erzählt, der U-14-Trainer habe ihm aufgeregt berichtet, dass er da jetzt einen Überflieger in der Mannschaft habe, dessen Qualität er in dem Alter noch nie gesehen habe. „Moukoko war auf Scouting-Bögen in jeder Kategorie weiter als seine Altersgenossen“, sagt Meggle, „er schoss einfach ein Tor nach dem anderen.“

Wie alt ist Moukoko wirklich?

Seinen Papieren zufolge war der Junge, der da zum Vorspielen aufgetaucht war, zehn Jahre alt. Er habe ihn im Sommer 2014 aus Kamerun nach Deutschland geholt, erklärte sein Vater Joseph. Als Youssoufa Moukoko im Sommer 2016 das Angebot aus Dortmund erhielt, war die Entscheidung schnell gefallen. „Mit den großen Clubs konnten wir bei seinem Talent nicht mithalten“, so Meggle. Um welche Summen es bei Moukokos Wechsel genau ging, darüber hüllen sich die Beteiligten in Schweigen.

Wunder lassen sich gut verkaufen. Moukokos junges Alter steigert nicht nur seinen Marktwert als Spieler, sondern auch als Werbefigur. Es macht ihn zu mehr als einem Talent, es macht ihn zu einem Wunderkind. Schon jetzt kann Moukoko über Social Media prächtige Summen verdienen. Wie viele andere Nachwuchs-Profis nutzt er Instagram und Snapchat täglich. Dass er auf nahezu jedem Bild, das er mit seinen 267.000 Abonnenten teilt, Nike-Klamotten trägt, ist kein Zufall. Die Firma sponsert ihn. Kürzlich soll er laut „Bild“ einen langfristigen Millionenvertrag mit dem US-Unternehmen unterzeichnet haben. „Mittlerweile erhalten manche Jungs schon mit 13 oder 14 Jahren einen Ausrüstervertrag“, erklärt Moukoko-Berater Williams. Er persönlich finde die Entwicklung krass, aber so ticke eben der Markt.

„In meinen Augen ist es falsch, dass jungen Spielern heute von allen Seiten der Hintern gepudert wird“

Im Werben um die besten Fußballer der Welt haben große Sportartikelhersteller längst Teenager wie Moukoko ins Visier genommen. Ihr Ziel: den nächsten Götze oder Müller so früh wie möglich an sich zu binden. Die harte Währung auf Social Media ist Reichweite. Wer mehr Menschen mit einem Beitrag erreicht, verdient auch mehr Geld. Hendrik Unger, ein Experte für Social-Media-Marketing, kennt die Zahlen der Branche. Als Faustformel gelte: „Für einen Beitrag, der 100.000 Menschen erreicht, gibt es zwischen 500 und 1000 Euro“, sagt er.

Auf Grundlage dessen lässt sich grob hochrechnen, wie viel ein einzelner Post eines Fußballtalents wie Moukoko wert ist. Als der BVB-Wunderknabe kürzlich ein Bild eines Nike-Werbetermins zusammen mit Mario Götze teilte, erhielt er 63.000 Herzen. Es sei davon auszugehen, dass ein einzelner Beitrag Moukokos bis zu 200.000 Menschen auf Instagram erreiche, erklärt Unger, und damit einen Werbewert von rund 1000 bis 2000 Euro habe.

Gladbach-Manager Eberl kennt die Strategie der Firmen im Jugendbereich. Für die Entwicklung junger Spieler sei es kontraproduktiv, wenn sie bereits als Teenager Deals mit Sportartikelherstellern abschließen. „In meinen Augen ist es falsch, dass jungen Spielern heute von allen Seiten der Hintern gepudert wird“, sagt er. Mit 13, 14 Jahren hätten Fußballtalente heute ja schon fast alles erlebt.

Ein gewisses Sattsein schon früh in der Karriere: Das kann bisweilen einer der Gründe sein, weshalb Talente es letztlich doch nicht nach ganz oben schaffen. Der einzige ist es sicher nicht. Verletzungen, falsche Karriereentscheidungen, persönliche Probleme oder schlicht Pech: Die Ursachen fürs Scheitern von Talenten sind so zahlreich wie individuell. Hinzu kommt: Die Leistungsentwicklung junger Fußballer lässt sich schwer vorhersagen. Und je jünger der Spieler, desto schwieriger ist es. Bei einem 13-Jährigen eine wirkliche Talent-Prognose zu treffen sei kaum möglich, sagt St.-Pauli-Geschäftsführer Rettig. Auch deshalb findet er es grundsätzlich falsch, Spieler in so jungen Jahren aus ihrem sozialen Umfeld zu reißen.

St.-Pauli-Manager Rettig bedauert, dass es häufig nur noch um Geld gehe

Es gab in Deutschland mal einen Nichtangriffspakt unter den Profi-Clubs. Während des Reformprozesses nach der Jahrtausendwende vereinbarten die Clubverantwortlichen der ersten und zweiten Liga einen Abwerbeschutz. Dieser sah vor, Wechsel von Talenten nur in höher ratifizierte Nachwuchsleistungszentren zu ermöglichen. Über Jahre sei das gut gegangen, erinnert sich Rettig, bis 2006. „Leider war es dann der FC Bayern, der das Gentlemen’s Agreement hierzulande aufkündigte.“ Mit dem Transfer des damaligen Ausnahmetalents Toni Kroos von Hansa Rostock brachen die Bayern den vereinbarten Abwerbeschutz. Die Argumentation der Club-Bosse sei gewesen: Wenn wir Kroos nicht holen, schnappt ihn sich ein englischer Verein. Das war der Wendepunkt. Von da an ging das Wildern wieder los.

Die meisten Talente verschwinden still und unbemerkt im Schatten

Wohin sich der Nachwuchsbereich im Profi-Fußball entwickelt hat, ist Darwinismus in Reinform. Nur die körperlich und mental stärksten Talente kommen durch, der Rest bleibt liegen. Massenware, die keiner mehr braucht. Vereine wollen Erfolg planbar machen. Und dazu gehört – ganz zentral sogar – die Talentsuche. Kein Wunder, dass sie keine Ecke der Welt mehr auslassen, um den nächsten Superstar zu finden. Vor allem Senegal, Kamerun und Ghana seien stärker ins Visier der Clubs gerückt, sagt Paul Nehf, einer der wenigen deutschen Talentscouts in Afrika. Manchester City betreibt in Ghanas Hauptstadt Accra sogar eine eigene Nachwuchsakademie. „Right to dream“, heißt das umstrittene Projekt, in das der Club bis zu einer Million Euro pro Jahr steckt. Das Ziel: Der nächste afrikanische Star soll unbedingt bei Manchester City unterschreiben. Die Clubverantwortlichen scheinen genau durchgerechnet zu haben, ob sich solch eine Talentefabrik lohnt. „Die Investition in Jugendspieler hat sich als profitabel für City erwiesen“, heißt es in „Football Leaks“-Dokumenten, die der „Spiegel“ ausgewertet hat. In den internen Papieren stellen die Verantwortlichen eine mittlere Rendite von 24 Prozent durch Weiterverkäufe von Spielern der Talentefabrik in Aussicht.

Normalerweise läuft es im Leben ja so: Talente entwickeln ihr Potenzial im Stillen weiter, bevor sie mit ihrem Können ins Scheinwerferlicht treten. Im Fußball ist es anders. Dort entwickeln sich Talente im Schweinwerferlicht, bevor sie meist still und unbemerkt im Schatten verschwinden.

Ähnlich wie heute Youssoufa Moukoko galt einst der US-Amerikaner Freddy Adu als Supertalent. Mit 14 Jahren unterschrieb er einen Millionenvertrag mit Nike, mit 16 debütierte er in der Nationalmannschaft. Die Fußballwelt schien ihm zu Füßen zu liegen. Dann folgte der anscheinend unaufhaltsame persönliche Abstieg. Adu spielte in Portugal, in Brasilien, in Frankreich, in der Türkei, in Serbien, in Finnland. Nachdem zuletzt sein Vertrag in Dallas aufgelöst wurde, ist er mittlerweile vereinslos. Freddy Adu ist 29.

Alle Lifestyle-News

DIE TIVELA APP