Fussball-Museum

Jürgen Klinsmanns Tritt in die Tonne

Als Giovanni Trapattoni beim Schwabenpfeil alle Sicherungen durchbrennen ließ

„Da sind meine Gefühle mit mir Gassi gegangen.“

Jürgen Klinsmann

Bundesliga-Saison 1997 (Olympiastadion München)
Fundstück: Bruchsplitter Sanyo-Werbesäule

Am 31-igsten Spieltag der BL-Saison 1997 trifft Spitzenreiter Bayern München zuhause auf Tabellenschlusslicht FC Freiburg. Statt eines allseits erwarteten Schützenfests gelingt dem ideenlos und pomadig auftretenden Meisterschaftskandidaten kein einziger Stich. Als es 10 Minuten vor Spielende noch immer 0:0 steht und die eigenen Fans vor Enttäuschung bereits ein Pfeifkonzert starten, beschließt Bayerntrainer Giovanni Trapattoni hektisch, den bis dahin „unauffälligen“ Jürgen Klinsmann vom Platz zu nehmen und signalisiert diesem per Handzeichen seine Auswechslung. Der reagiert natürlich konsterniert und mit (fließendem) italienischen Geschimpfe in Richtung Trainer und wird noch rasender, als er mitbekommt, für wen er vom Rasen soll.

Tatsächlich soll Klinsmann einem jungen no-name-Debütanten aus der zweiten Mannschaft Platz machen, der zum ersten (und einzigen) Mal im A-Kader steht(Carsten Lakies) – eine ziemliche Majestätsbeleidigung für den stolzen Schwaben, dem augenblicklich alle Sicherungen durchbrennen. (Was erlauben sich Trainer?)Fluchend tritt er auf den nächstbesten Werbeaufsteller am Spielfeldrand ein. Die mannshohe Sanyo-Batterie erweist sich als Prellbock mit scharfen Zähnen: Beim Wiederherausziehen des Fußes schürft sich Klinsmann an der von innen mit Drähten vernähten Plastiktonne das Schienbein auf und schneidet sich auch noch in den Spann. Niemand im Stadion bekommt das schmerzhafte Malheur mit, inklusive einem vor Wut betäubten Klinsmann, der die Wunden unter seinem Stutzen erst in der Umkleidekabine wahrnimmt.

Die Marke Sanyo bedankte sich für den werbewirksamen Tritt ins Logo wenig später mit einem Gute-Besserungs-Präsentkorb voller Batterien. Kaum eine Zeitung oder Sendung von Spiegel bis Sportstudio, die nicht über den unkontrollierten Fehltritt des Bäckersohns aus Göppingen berichtet – tagelang sorgt das Thema bundesweit für Schlagzeilen.

Geschichtsträchtiger Kunststoff: Das eingetretene „N“ der Sanyo-Werbetonne

Zwei Jahrzehnte später ist Klinsmanns Tonnentritt fester Bestandteil der Vereinsgeschichte des FC Bayern. Der demolierte Werbeaufsteller, der damals zunächst von einer Grevenbroicher Sportmarketingagentur als Eventdeko-Requisite erworben und später vom Stuttgarter Feinkost-händler und Klinsmann-Verehrer Dieter Fischer für stolze 3.000 Euro bei einer Benefiz-Auktion ersteigert wurde, schmückt inzwischen die Erlebniswelten des Bayern-Museums an der Säbener Straße. Im vergangenen Jahr wurde bei Sanierungsarbeiten der Tartanbahn im alten Münchener Olympiastadion eine blauweiß-gestreifte Plastikscherbe gefunden, die sich tatsächlich als eingetretener Teil der Werbebatterie entpuppte. Ob das historische Bruchstück (mit dem fehlenden N des Sanyo-Logos), das 23 Jahre lang unter einer Bandenverkleidung klemmte, nun ebenfalls in den Besitz des FC Bayern wandert, liegt in der Hand von Vorstandsneuling und Wutausbruch-Experte Oliver Kahn.

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