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Der Münzwurf-Albtraum der Kölner Geißböcke

Als der 1.FC Köln gegen den FC Liverpool nach drei Unentschieden durch eine hölzerne Münze ausschied, weil es noch keine Elfmeterschießen-Regel gab.

„Die Kölner waren dreihundert Minuten lang besser als wir und hätten ein Weiterkommen verdient gehabt“

Ron Yeats

Europapokal der Landesmeister 1965, Achtelfinale
Fundstück: Holzmünze

Am 24.März 1965 tritt der 1. FC Köln im Rotterdamer Feyenoord-Stadion zum entscheidenden Duell gegen den FC Liverpool um den Einzug ins Viertelfinale des Europapokals der Landesmeister an. Nachdem zuvor sowohl das Hinspiel im heimischen Müngersdorf, als auch das Rückspiel in Liverpool nach neunzig Minuten jeweils 0:0-Unentschieden enden und damals noch keine Elfmeterschießen-Regel existiert, hat die UEFA ein weiteres, drittes „Entscheidungsspiel“ auf neutralem Boden angeordnet. Auch diese dritte Begegnung in Rotterdam soll nach dramatischer Verlängerung mit 2:2- Untentschieden enden, sodass der deutsche Schiedsrichter Robert Schaut gezwungen ist, per Münzwurf zu entscheiden, wer als Sieger und Verlier vom Platz gehen muss.

Zum Zeitpunkt ihrer Anreise nach Rotterdam hat die Kölner Mannschaft um die Nationalspieler-Jungstars Weber, Overath und Löhr binnen 3 Wochen nicht nur zwei kraftraubende Begegnungen gegen einen zähen Gegner, sondern auch eine anstrengende zweifache Anreise zu diesem hinter sich: Da das Rückspiel an der Anfield Road wegen starkem Schneefall kurzfristig verschoben wird, müssen sich die Kölner 14 Tage später nochmals nach England fliegen – was nicht nur Zeitplan und Nerven, sondern auch die Vereinskasse strapaziert hat. Umso engagierter geht die Geißbockelf nun im dritten Duell auf Rotterdamer Boden zur Sache – nach allen gemeisterten Strapazen will der deutsche Meister jetzt erst recht ins Europapokal-Viertelfinale kommen. So holen die Kölner einen frühen Rückstand auf, erzwingen eine Verlängerung und können kurz vor Abpfiff noch glücklich zum 2:2-Endstand ausgleichen. Um nun dem wohl unglücklichsten Moment ihrer Spielerkarrieren ins Auge sehen zu sehen: Denn der deutsche Unparteiische Robert Schaut kramt jetzt eine münzähnliche Holzscheibe aus seiner Hosentasche und bittet die beiden Mannschaftskapitäne Hans Sturm und Ron Yeats, sich in einen der schlammwüsten-artigen Sechzehner zu begeben. Umringt von Mannschaftskollegen, Journalisten und zahlreichen Polizeibeamten, die das Szenario aus nächster Nähe überwachen, stellen sich die zwei Spielführer vor dem Schiedsrichter auf, der die Münzseitenwahl kurzerhand selbst bestimmt: Die rote Seite seines Wurfobjekts – das sich zur großen Überraschung gar nicht als metallenes Geldstück entpuppt, sondern als zweifarbig bemalter Holztaler – ist für die Reds bestimmt, die weiße Seite für Köln.

Die schicksalhafte Losmünze des Schiedsrichters Robert Schaut

Beim ersten Wurf bleibt die Holzscheibe senkrecht im Matsch stecken, sodass die tragische Zeremonie wiederholt werden muss – Beim zweiten Versuch zeigt die rote Seite der Münze nach oben. Womit die Kölner in diesem Moment tatsächlich ausgeschieden sind, obwohl sie überhaupt nicht verloren haben. Sprachlos, wie man im Rückblick auf die über 50 Jahre zurückliegende absurde Situation noch heute sein kann, waren damals auch die Kölner Spieler. Keiner von ihnen beschwerte sich, keiner weinte, alle schienen die Entscheidung tapfer und gefasst hinzunehmen, während die Liverpooler um sie herum ausgelassen zu jubeln begannen.

Dass sich Wolfgang Weber durch ein Foul in der ersten Halbzeit des Spiels einen (vom Mannschaftsarzt gar nicht erkannten) Wadenbeinbruch zugezogen hat, mit dem er sich – da es damals auch noch keine Auswechslungsregel gibt  –  bis zum Schluss der Verlängerung über den Platz quält, damit sein Team nicht in Unterzahl spielen muss, wird erst am nächsten Morgen bekannt. Monate später gibt der Liverpooler Kapitän Ron Yeats öffentlich zu: „Die Kölner waren eigentlich in allen drei Spielen besser als wir und hätten auf alle Fälle ein Weiterkommen verdient gehabt – zumal die Münze des Referees beim ersten Wurf auch gar nicht gerade im Boden stecken blieb, sondern sich leicht auf die weiße Seite lehnte“.

Die rote Seite der Holzscheibe war für Liverpool bestimmt und sollte beim Wiederholungswurf nach oben zeigen

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