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Das morsche Tor vom Bökelberg

Der Tag, an dem der Gladbacher Stürmer Herbert Laumen im gegnerischen Netz zappelte.

„Als ich es laut knacken hörte, wusste ich sofort, da kommt was runter.“

Herbert Laumen

Bundesliga-Saison 1971
Fundstück: Abgebrochener Torpfosten

TIVELA Redaktion

„Als ich es laut knacken hörte, wusste ich sofort, da kommt was runter und hab mich in Babystellung zusammengekauert – Der Querbalken segelte haarscharf an meinem Kopf vorbei“ diagnostiziert Herbert Laumen später sein Glück im Unglück. Dass der Gladbacher Stürmer am 3. April 1971 nicht ins gegnerische Tor trifft, sondern dieses stattdessen komplett zu Fall bringt und minutenlang wie ein Fisch im Netz zappelt, hat als „Pfostenbruch vom Bökelberg“ Bundesligageschichte geschrieben. Fortan durfte aus Sicherheitsgründen nicht mehr zwischen eckigen Holzbalken, sondern nur noch mit runden Leichtmetallgehäusen gespielt werden – womit sich im Fußballsport ganz neue physikalische (wie auch akustische) Welten bei abgeprallten Latten- oder Pfostenbällen auftaten. Binnen eines Jahres wurde auf allen Ligaplätzen Eiche durch Metallrohr ausgetauscht. Mit dem Materialwechsel wandelte sich selbstredend auch die Fußballreportersprache, wenn ein Spieler beim Torschuss von nun an nicht mehr Holz, sondern „Aluminium traf“.

Trotz vereinter Kraftanstrengung gelingt es den Bremer Spielern nicht, das gefallene Tor wieder aufzustellen.

Im Duell zwischen dem Tabellenzweiten Borussia Mönchengladbach und SV Werder Bremen steht es am 3. April 1971 vor ausverkauftem Haus am Bökelberg 1:1 unentschieden. Es läuft bereits die 88ste Spielminute und die Gladbacher Fohlen haben Mühe, sich gegen eine engagierte Bremer Elf zu behaupten. die unbedingt noch gewinnen will. Günter Netzer zirkelt von halbrechts einen Freistoß in den Bremer Fünftmeterraum, den Mittelstürmer Herbert Laumen mit dem Kopf nehmen will. Der verpasst den Ball beim Sprung jedoch um Zentimeter und stolpert in vollem Lauf rückwärts ins Bremer Netz hinein. Durch die Wucht des Aufpralls bricht die morsche Boden-Verankerung des rechten Pfostens. Wie der Mast eines kenternden Segelschiffs stürzt das ganze Gebälk in sich zusammen und begräbt Laumen unter dem sinkenden Tornetz. Schiedsrichter Gert Meuser, der das Spiel sofort unterbricht, bleibt vor Schreck fast die Pfeife im Hals stecken. Es dauert Minuten, bis sich der benommene, aber unversehrte Stürmer aus dem Maschen-Wirrwarr befreit hat und ebenso lange, um festzustellen, dass das umgefallene Tor einfach nicht mehr gerade stehen will. Während die Gladbacher Spieler überhaupt keine Anstalten machen, mitzuhelfen, um das Gebälk wieder hochzuhieven (da sie auf Annullierung der Partie und ein Wiederholungsspiel spekulieren), bemühen sich die Bremer Spieler umso beflissener, ihr Tor mit tatkräftiger Hilfe herbeigeeilter Fans zu reparieren, damit die Partie noch ordentlich zu Ende gespielt werden kann. Netzer signalisiert seinen Mitspielern mit unauffälligem Handzeichen, sich aus dem inzwischen menschenüberfluteten Bremer Strafraum zu entfernen, wo der Unparteiische in purer Verzweiflung nun sogar Bremer Fans bittet, das wackelige Tor für die verbleibende Nachspielzeit mit Seilen festzuhalten. „Da ist nichts zu machen, Herr Schiedsrichter, pfeifen sie endlich ab“ ruft der Gladbacher Kapitän dem Unparteiischen mit trockener Stimme zu – nicht ahnend, dass er und seine Mannschaft damit gleich doppelt den Kürzeren ziehen sollen. Denn das DFB-Schiedsgericht entscheidet wegen vernachlässigter Gladbacher Heimspielpflichten, zu denen natürlich auch intakte Tore gehören, auf Sieg für Bremen und brummt dem perplexen Borussiateam zudem eine Geldstrafe wegen grober Platzpflege-Fahrlässigkeit auf. Trotz Punkteabzug gelingt es der Fohlen-Elf am letzten Saisonspieltag dennoch, Konkurrent Bayern München hinter sich zu lassen und ihren Meistertitel vom Vorjahr erfolgreich zu verteidigen. Die altersschwachen Eichengehäuse vom Bökelberg werden noch im gleichen Monat durch Metallkonstruktionen ersetzt – wobei die Gladbacher Platzwarte das einbetonierte Endstück des gebrochenen Holzpfostens aus Bequemlichkeit einfach unter der Grasnarbe liegen lassen. Erst drei Jahrzehnte später wird das historische Relikt bei Baggerarbeiten für eine Neubau-Wohnsiedlung auf dem Gelände des 2006 abgerissenen Bökelbergstadions ans Tageslicht befördert.

Gladbachs „Pfostenbrecher“ Herbert Laumen – hier mit Berti Vogts – schrieb durch das umgefallene Tor vom Bökelberg Fußballgeschichte. Viel lieber hätte der Vollblut-Stürmer dies im Trikot der Nationalmannschaft getan, für die er lediglich zwei Länderspiele bestreiten durfte.

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